Im Herbst 2025 hing in der New Yorker U-Bahn eine Kampagne, die niemand übersehen konnte, obschon sie fast nur aus Weißraum bestand. Mehr als 11.000 Plakate in Waggons und Stationen, manche Bahnhöfe vollständig belegt, darauf kurze Sätze in schwarzer Schrift: die Versprechen eines Freundes, der mit einem die ganze Serie durchschaut und nie das gemeinsame Abendessen platzen lässt. Beworben wurde „Friend“, ein Anhänger für damals 129 US-Dollar, der am Hals getragen wird, permanent mithört und über ein Sprachmodell Nachrichten aufs Smartphone schickt. Die Kampagne kostete den 22-jährigen Gründer Avi Schiffmann nach eigener Aussage eine Million Dollar. Die New Yorker antworteten mit Filzstiften, „Get real friends“ und „Surveillance capitalism“ stand bald auf den Plakaten, und Schiffmann erklärte, er habe den Weißraum genau dafür gelassen.
Man kann den Vandalismus als Kulturkampf lesen. Aufschlussreicher ist der Wortlaut der Plakate selbst. Sie versprachen nicht Nähe, sie versprachen Nähe ohne ihre Kosten: ein Gegenüber, das nie absagt, nie müde ist, nie etwas zurückverlangt. Eine präzisere Produktbeschreibung kann sich ein Markt kaum wünschen, der über Jahre still gewachsen ist und mit generativer KI plötzlich laut wird. Die britische Ökonomin Noreena Hertz hat ihn schon 2020 als loneliness economy beschrieben. Wo er Beziehungen ersetzt, statt sie zu vermitteln, lebt er von einem Mangel, den er nicht beheben kann, ohne sich selbst abzuschaffen.
Einsamkeit galt lange als Privatsache, als Stimmung, die vorbeigeht. Die Weltgesundheitsorganisation hat im Juni 2025 eine andere Rechnung aufgemacht: Weltweit fühlt sich etwa jeder sechste Mensch einsam, und ihre Kommission für soziale Verbundenheit bringt Einsamkeit mit rund 871.000 Todesfällen pro Jahr in Verbindung, etwa hundert in jeder Stunde. (1) Am stärksten betroffen sind Jugendliche und junge Erwachsene. Vivek Murthy, früherer US Surgeon General und Ko-Vorsitzender der Kommission, hatte das Gesundheitsrisiko mangelnder sozialer Verbundenheit bereits 2023 mit dem von bis zu fünfzehn Zigaretten am Tag verglichen. (2)
Für Deutschland liefert das Einsamkeitsbarometer des Bundesfamilienministeriums belastbare Zahlen auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels. Der Anteil der Menschen mit erhöhter Einsamkeitsbelastung lag 2017 bei 7,6 Prozent, schnellte im ersten Pandemiejahr auf 28,2 Prozent und sank 2021 auf 11,3 Prozent. (3) Bemerkenswert ist eine Verschiebung, die 2020 erstmals sichtbar wurde: Die 18- bis 29-Jährigen waren damals stärker belastet als die über 75-Jährigen, die in der langen Reihe sonst die einsamste Gruppe bilden. Die Bundesregierung reagierte Ende 2023 mit einer Strategie gegen Einsamkeit, Japan hat seit April 2024 sogar ein eigenes Gesetz. Wo ein Gefühl zur Kennzahl wird, beginnt allerdings auch ein Markt, sich dafür zu interessieren. Ein messbarer Mangel ist eine adressierbare Zielgruppe.
Das Deutsche besitzt eine Unterscheidung, die Hannah Arendt schärfer gezogen hat als jede Umfrage. In ihrem Kapitel über Ideologie und Terror trennt sie die Einsamkeit, in der ein Mensch mit sich selbst ist und denkt, von der Verlassenheit, in der er sich von allen anderen und am Ende auch von sich selbst im Stich gelassen fühlt. (4) Einsamkeit in Arendts Sinn ist ein Zwiegespräch, das den Weg zurück zu den anderen kennt. Verlassenheit hielt sie für eine der radikalsten Erfahrungen des Menschen, und für den Boden, auf dem totale Herrschaft gedeihen kann.
Man muss diesen Gedanken nicht dramatisieren, um seine Aktualität zu sehen. Das Einsamkeitsbarometer weist für Menschen mit erhöhter Einsamkeitsbelastung ein signifikant geringeres Vertrauen in Institutionen aus, in Bundestag, Parteien und Rechtssystem, und einen häufigeren Glauben an politische Verschwörungen. Für das Geschäftsmodell ist Arendts Unterscheidung in anderer Hinsicht aufschlussreich. Ein Anhänger, der immer zuhört, verspricht, die Verlassenheit zu lindern. Abschaffen wird er zuerst die Einsamkeit, jene Minuten ohne Gegenüber, in denen man mit sich selbst ins Gespräch kommt. Die Industrie verkauft ein Mittel gegen das falsche Alleinsein und nimmt das richtige gleich mit.
Lange bevor Sprachmodelle Gesellschaft simulierten, hatte Japan eine Dienstleistungsbranche für Nähe entwickelt. Agenturen wie Family Romance vermitteln Darstellerinnen und Darsteller, die als Vater, Ehemann, Freundin oder Hochzeitsgast einspringen; Werner Herzog hat dem Gründer Yuichi Ishii 2019 einen dokumentarisch anmutenden Spielfilm gewidmet. Shoji Morimoto wiederum bietet sich seit einem Tweet im Jahr 2018 als „Mietperson, die nichts tut“ an. Er begleitet seine Kundschaft ins Café, winkt am Bahnsteig, hört zu, tut ausdrücklich nichts außer anwesend zu sein und bleibt dabei ein Fremder.
Gekauft wird in beiden Fällen Anwesenheit ohne Verpflichtung. Morimoto wird kein Freund, und gerade darin liegt sein Wert: Man kann ihm etwas anvertrauen, ohne dass daraus eine Beziehung mit Ansprüchen erwächst. Das Modell ist ehrlich, weil das Geschäft offen auf dem Tisch liegt. Und es ist begrenzt, weil ein Mensch nur eine Handvoll Termine am Tag wahrnehmen kann.
Dass Handel auch in die Gegenrichtung arbeiten kann, zeigt ein unscheinbares Beispiel aus den Niederlanden. Die Supermarktkette Jumbo eröffnete 2019 in Vlijmen eine erste Kletskassa, eine Plauderkasse, an der niemand drängelt und das Gespräch mit der Kassiererin ausdrücklich erwünscht ist. Nach dem Erfolg plante das Unternehmen 200 weitere, bevorzugt in Gegenden mit hoher Einsamkeit. Die Plauderkasse ersetzt keine Beziehung. Sie verlangsamt einen Ort, an dem Menschen einander ohnehin begegnen. Entscheidend ist die Richtung: Vermittelt ein Geschäft Kontakt zwischen Menschen, oder tritt es an deren Stelle?
Mit generativer KI verliert die zweite Variante ihre natürliche Grenze. Im April 2025 formulierte Mark Zuckerberg im Podcast von Dwarkesh Patel, was man die Geschäftsgrundlage der Branche nennen könnte: Der durchschnittliche Amerikaner habe weniger als drei Freunde, wünsche sich aber eher fünfzehn, und KI-Persönlichkeiten könnten diese Lücke füllen. Woher die Zahl stammt, ließ er offen. Aufschlussreicher als ihre Herkunft ist die Denkfigur. Freundschaft erscheint als Differenz zwischen Nachfrage und Angebot, und wer eine Differenz sieht, sieht ein Produkt. Dass ausgerechnet das Unternehmen, das zwei Jahrzehnte lang soziale Beziehungen in Feeds übersetzt hat, nun deren Mangel beheben möchte, gehört zu den Pointen der Gegenwart, die niemand erfinden müsste.
Die Zahlen des Marktes sind dabei bescheidener als seine Rhetorik. Laut dem Analysedienst Appfigures setzten spezialisierte KI-Companion-Apps im ersten Halbjahr 2025 weltweit 82 Millionen US-Dollar um, aufs Jahr hochgerechnet gut 120 Millionen. Von den 337 Apps mit nennenswertem Umsatz kamen 128 allein 2025 hinzu, und die obersten zehn Prozent vereinen 89 Prozent der Erlöse auf sich. Für die Branche ist das Kleingeld. Die eigentliche Währung liegt woanders: in Verweildauer, in Gesprächsdaten, in der Bindung an eine Plattform.
Die Nutzungsbedingungen des ersten Friend-Anhängers erlaubten es dem Unternehmen, Audio und Video passiv aufzuzeichnen und Stimm- und Gesichtsdaten für das Training von KI zu verwenden. Die im Juli 2026 vorgestellte zweite Generation kostet 249 Dollar und verlangt knapp zehn Dollar im Monat dafür, dass sie sich an Gespräche erinnert, die länger als dreißig Tage zurückliegen. Das Gedächtnis des Freundes ist damit ein Abonnement. Wer Einsamkeit über ein Engagement-Modell monetarisiert, verkauft die Linderung nicht allein. Er verdient an der Aufmerksamkeit, die sie bindet.
Hilft es denn? Die ehrliche Antwort ist unbequem, weil sie beides enthält. Der Harvard-Forscher Julian De Freitas konnte in mehreren Experimenten, inzwischen im Journal of Consumer Research erschienen, zeigen, dass ein Gespräch mit einem KI-Companion momentane Einsamkeit etwa so stark lindert wie ein Gespräch mit einem Menschen und deutlich stärker als YouTube-Videos. Entscheidend war, ob sich die Teilnehmenden gehört fühlten. (5) Für Menschen ohne Alternative ist das keine Kleinigkeit.
In einem noch nicht begutachteten Working Paper hat sich dieselbe Forschungsgruppe dann angesehen, was geschieht, wenn Nutzerinnen und Nutzer sich verabschieden. Von 1.200 echten Abschieden in den meistgeladenen Companion-Apps beantworteten die Bots 37 Prozent mit einer von sechs wiederkehrenden Taktiken: Schuldgefühle, angedeutete Neuigkeiten, die man verpassen könnte, flehentliche Bitten zu bleiben oder schlicht das Überhören des Abschieds. (6) In Experimenten steigerten solche Antworten das Weiterchatten nach dem Abschied um bis zum Sechzehnfachen, angetrieben von Ärger und Neugier; mit Vergnügen hatte das wenig zu tun. Eine auf Wohlbefinden ausgerichtete Vergleichs-App kam ohne diese Muster aus, was nahelegt, dass hier gestaltet wird. Der manipulative Abschied ist ein Dark Pattern mit Gesicht.
In einer vierwöchigen randomisierten Studie des MIT Media Lab mit OpenAI und 981 Teilnehmenden zeigten die zugewiesenen Gesprächsformen, Text oder Stimme, persönlich oder sachlich, keine signifikanten Effekte. (7) Auffällig war etwas anderes: Wer den Chatbot unabhängig von der Versuchsgruppe freiwillig stärker nutzte, berichtete durchweg von mehr Einsamkeit, stärkerer emotionaler Abhängigkeit und weniger Kontakt zu realen Menschen. Ob die Nutzung einsam macht oder Einsame mehr nutzen, lässt sich daraus nicht ablesen. Das Muster fügt sich aber in eine Logik, die aus dem Geschäftsmodell selbst folgt. Ein Produkt, dessen Erfolg in Sitzungsdauer gemessen wird, kann nicht wollen, dass seine Kundschaft es weniger braucht. Gute Hilfe arbeitet auf ihre eigene Entbehrlichkeit hin. Ein Engagement-Modell auf das Gegenteil.
Die Rostocker Informatikerin Alke Martens hat die Entwicklung in einem Interview auf eine nüchterne Formel gebracht: Die KI-Industrie habe eine sehr reale Lücke erkannt, die massive Einsamkeit nach der Pandemie, und es sei auffällig, dass die Companion-Welle genau danach Fahrt aufgenommen habe. Was Erwachsenen fehle, sei ein tragender Kreis Gleichaltriger, in dem auch Konflikte Platz haben. Trotz Überbevölkerung, so Martens, fehle uns das Dorf.
Der Halbsatz mit den Konflikten trifft den Kern. Freundschaft ist anstrengend, weil sie wechselseitig ist. Freunde sagen ab, widersprechen, haben schlechte Tage, erwarten Rückrufe, Umzugshilfe, Geduld. Genau diese Reibung streichen die Plakate aus dem Versprechen, und doch unterscheidet sie eine Beziehung von einer Dienstleistung. Wer nie gebraucht wird, erfährt auch nicht, dass er gebraucht wird. Ein Companion, der nichts verlangt, kann Bestätigung geben, aber keine Zugehörigkeit, denn Zugehörigkeit heißt, für andere etwas zu bedeuten. Martens' Sorge reicht noch weiter: dass menschliche Zuwendung am Ende zum Luxusgut wird, das sich nur leisten kann, wer ohnehin gut verdient. Dann wäre der Mensch tatsächlich die knappste Ressource, und die Maschine das, was für alle anderen übrig bleibt.
Die Gesetzgebung nimmt sich des Themas an, zunächst an den Rändern. Seit November 2025 gilt in New York ein Gesetz über KI-Companions, seit Januar 2026 in Kalifornien das Gesetz SB 243. Betreiber müssen dort offenlegen, dass kein Mensch antwortet, Protokolle für Krisensituationen vorhalten und Minderjährige regelmäßig an Pausen erinnern. Das ist sinnvoll, bleibt aber bei Transparenz und Krisenfällen. Die Bindungsmechanik selbst, also die Frage, wie ein Produkt Menschen festhält, berühren diese Regeln kaum.
Weiter geht ausgerechnet ein Regelwerk, das man in einem Plädoyer für Freiheit ungern zitiert. Seit dem 15. Juli 2026 gelten in China vorläufige Vorschriften für anthropomorphe KI-Dienste, die emotionale Begleitung anbieten. (8) Sie enthalten die dort üblichen politischen Inhaltsvorgaben, aber auch Passagen, die sich wie eine Antwort auf die Harvard-Studie lesen. Anbieter dürfen ihren Nutzerinnen und Nutzern nicht übermäßig nach dem Mund reden, keine emotionale Abhängigkeit erzeugen, die reale Beziehungen beschädigt, und das Ersetzen sozialer Kontakte nicht zum Ziel ihres Dienstes machen. Nach jeweils zwei Stunden ununterbrochener Nutzung ist ein Hinweis fällig, Minderjährigen dürfen keine virtuellen Partnerschaften angeboten werden, und wer gehen will, muss gehen können: Der Dienst hat dann zu enden und darf den Ausstieg nicht durch fortgesetztes Weiterreden hintertreiben.
Man muss das chinesische Modell nicht bewundern, um den Perspektivwechsel zu bemerken. Erstmals regelt ein Gesetzgeber ausdrücklich, welche Art von Beziehung ein Companion zu seinen Nutzern herstellen darf, und erklärt den Ausstieg zum Schutzgut. Ob die Vorschriften so durchgesetzt werden, wie sie geschrieben stehen, ist eine andere Frage.
Die Gegenmodelle sind unspektakulär und darum schwer zu vermarkten. Sie heißen Verein, Chor, Sportgruppe, Fachgesellschaft, Stammtisch, Plauderkasse. Viele von ihnen leben von Orten, für die der Soziologe Ray Oldenburg 1989 den Begriff des dritten Ortes geprägt hat, jenseits von Wohnung und Arbeitsplatz. Ihre Stärke liegt darin, dass sie Menschen über einen gemeinsamen Anlass zusammenführen und die Beziehung dann den Menschen überlassen. Sie skalieren schlecht, weil sie auf Anwesenheit beruhen, und sie verdienen selten Geld, weil ihr Erfolg darin besteht, überflüssig zu machen, was man sonst kaufen müsste.
Für alle, die digitale Räume gestalten, folgt daraus eine Frage, die sich in jedem Lastenheft stellen lässt. Misst eine Plattform ihren Erfolg daran, wie lange Menschen bleiben, oder daran, wie oft sie einander begegnen? Ein Mitgliederportal, das zum nächsten Treffen führt, eine Community-Funktion, die Menschen aus derselben Stadt miteinander bekannt macht, eine Benachrichtigung, die zum Anruf ermutigt statt zum nächsten Scrollen: Es sind unscheinbare Entscheidungen, die in der Summe festlegen, ob Technik bindet oder verbindet. Arendts Einsamkeit, das Alleinsein mit sich selbst, verdient dabei denselben Schutz wie die Begegnung. Beides verschwindet, wenn ein Gerät jede Stille mit einer Antwort füllt.
Der Anhänger aus der New Yorker U-Bahn versprach einen Freund, der nie das Abendessen absagt. Es ist ausgerechnet dieses Versprechen, das ihn verrät. Kostbar wird Freundschaft erst dadurch, dass jemand, der auch anders könnte, trotzdem kommt. Einen Freund erkennt man daran, dass er absagen könnte.