BlogSituation & Konstellation

Der Mensch im Menü: Über das Verschwinden des Spielraums

Der Soziologe Hartmut Rosa unterscheidet in seinem neuen Buch zwischen Situation und Konstellation. Diese Unterscheidung beschreibt genauer, was KI mit unserem Handeln macht, als es die meisten Debatten über Arbeitsplätze tun.

von Oli Feiler · 17. August 2026

Jemand sitzt vor einer Software. Die Software hat bereits gearbeitet, bevor der Mensch überhaupt hinsieht: Daten gesammelt, kategorisiert, priorisiert, einen Vorschlag erzeugt. Personalauswahl, medizinische Dokumentation, ein Versicherungsfall, eine Kundenanfrage, ein Textentwurf. Das Feld ist beliebig austauschbar, das Muster nicht. Auf dem Bildschirm stehen drei Optionen: Übernehmen. Bearbeiten. Ablehnen.

Formal besitzt der Mensch die vollständige Entscheidungsfreiheit. Er kann jede der drei Schaltflächen drücken, niemand hindert ihn daran. Praktisch hat sich etwas verschoben, bevor er überhaupt urteilt: Die Maschine hat die Lage bereits interpretiert. Sie hat festgelegt, welche Informationen zählen, welche Optionen plausibel erscheinen und welche Handlung als Standard gilt. Der Mensch entscheidet noch. Aber worüber, genau?

Das Bild lässt sich beliebig vergrößern. Es gilt für ein einzelnes Formular auf einem Bildschirm ebenso wie für eine ganze Abteilung, die sich entlang Dashboards, Scores und Empfehlungssystemen bewegt, ohne dass jemand bewusst „jetzt automatisieren wir" gesagt hätte. Die Verschiebung passiert leise, Fall für Fall, Update für Update, bis irgendwann niemand mehr genau sagen kann, ab wann aus einer Situation eine Konstellation wurde.

Das ist die Frage, mit der sich der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa in seinem neuen Buch beschäftigt, und zwar nicht über KI. Über etwas Grundsätzlicheres, das KI nur besonders gut kann.

Situation und Konstellation

In „Situation und Konstellation" unterscheidet Rosa zwei Weisen, wie Menschen einer Lage begegnen (1). Eine Situation ist offen, mehrdeutig, verlangt Erfahrung, Kontext, Ermessen. Sie fragt: Was ist hier, gerade jetzt, für diesen Menschen angemessen? Eine Konstellation lässt sich dagegen beschreiben, kategorisieren, regelhaft abarbeiten. Sie fragt nicht mehr nach Angemessenheit, sondern nach Zulässigkeit: Was ist in diesem Fall vorgesehen?

Rosas Beispiele sind bewusst banal und funktionieren gerade deshalb. Die Lehrerin, die eine Leistung nicht mehr ermutigend benoten kann, weil das Punkteschema dafür keinen Raum lässt. Die Ärztin, die Bildschirme behandelt statt Patienten. Der Schiedsrichter, dessen Augenmaß der Video Assistant Referee verdrängt: „Stimme zu" oder „Stimme nicht zu", eine binäre Rückmeldung an die Stelle eines geübten Blicks. In Dänemark, ein weiteres Beispiel aus dem Buch, ersetzen durchdigitalisierte Servicecenter im Sozialbereich das Ermessen der Sachbearbeiterin durch ein Formular ohne Zwischentöne. Aus Handelnden werden, in Rosas Formel, Vollziehende.

Wichtig ist, dass Rosa hier nicht bloß eine neue Bezeichnung für Regeln erfindet. Eine Regel gilt oder gilt nicht, ein Paragraf greift oder greift nicht. Eine Konstellation ist mehr als eine einzelne Regel. Sie entsteht dort, wo eine Lage in beschreibbare Merkmale, Zuständigkeiten und zulässige Optionen zerlegt wird, sodass aus einer offenen Situation ein bearbeitbarer Fall wird. Wer einen Kredit beantragt, eine Diagnose bekommt oder eine Bewerbung einreicht, wird auf diese Weise zunächst selbst zu einem Fall verarbeitet, und erst diese Verarbeitung entscheidet, welche Regeln überhaupt in Betracht kommen. Das betrifft längst nicht nur Sachbearbeiterinnen und Schiedsrichter. Auch Anwälte, die mit KI-gestützter Fallrecherche arbeiten, Ingenieurinnen, deren Berechnungen ein System vorstrukturiert, oder Radiologen, deren Bildbefund neben einem KI-Score erscheint, begegnen zunehmend Konstellationen statt Situationen. Der Unterschied zur klassischen Bürokratie liegt in der Geschwindigkeit und der Reichweite dieser Vorsortierung, nicht in ihrem Prinzip.

Was sie 2026 dringlich macht, ist eine These, die Rosa selbst so pointiert nicht formuliert, die sich aus seinem Buch aber fast zwingend ergibt: KI ist die bislang leistungsfähigste Maschine zur Umwandlung von Situationen in Konstellationen. Der Grund dafür ist nicht, dass sie Menschen ersetzt. Sie interpretiert zuerst die Lage, kategorisiert sie und macht sie entscheidungsreif, noch bevor überhaupt ein Mensch urteilt.

Ob menschliche Aufsicht über ein System echt ist oder nur noch die Geste einer Prüfung, die keine mehr ist, ist die eine Frage. Eine andere ist, wo eigentlich noch gelernt wird, wenn die klassischen Einstiegsarbeiten an KI abwandern. Beide Fragen bleiben richtig. Nur beantworten sie nicht, was hier interessiert. Wer über Automatisierungsbias spricht, unterstellt: Es gäbe etwas zu prüfen, der Mensch prüft es nur schlecht. Mit Rosa lässt sich die Frage noch früher ansetzen. Was, wenn die Prüfung selbst zur Formsache wird, weil das, was zu prüfen wäre, längst als fertige Konstellation vorliegt?

Die perfekte Konstellationsmaschine

Klassische Software brauchte für diese Umwandlung feste Kategorien. Jemand musste Formulare, Felder, Regeln entwerfen, und was sich diesem Zugriff entzog, blieb menschlich, weil es zu situativ war, um in ein Feld zu passen. Generative KI kann auch Ungeordnetes in eine bearbeitbare Form überführen: einen frei formulierten Text, ein Foto, eine Absicht, eine Stimmung. Was bislang zu unscharf war, um regelbasiert weiterverarbeitet zu werden, lässt sich plötzlich zusammenfassen, bewerten, priorisieren und in einen nächsten Handlungsschritt übersetzen. Die Maschine hat gelernt, auch Unschärfe in eine Konstellation zu übersetzen.

Agentensysteme gehen einen Schritt weiter: Sie bewegen sich selbstständig durch die Konstellation, die sie selbst erzeugt haben, ohne dass für jeden Schritt ein Mensch gefragt werden muss. Ein solches System nimmt eine Kundenanfrage entgegen, sucht in mehreren Datenquellen, formuliert eine Antwort, verschickt sie, dokumentiert den Vorgang, und meldet sich erst zurück, wenn die eigene Sicherheit unter einen Schwellenwert fällt. Technisch entsteht dabei eine Kette maschinell erzeugter Zwischenlagen, auf deren Grundlage das System jeweils den nächsten Schritt bestimmt. Damit bekommt Rosas Diagnose eine Radikalität, die sein eigenes Buch kaum ausbuchstabiert: Es geht nicht mehr nur darum, dass jemandem eine fertige Konstellation vorgelegt wird. Die Konstellation vollzieht sich selbst, und der Mensch trifft im besten Fall noch die Entscheidung, ob er am Ende des Weges einen Blick riskiert.

Wenn die Maschine recht hat

Hier braucht der Gedanke eine Gegenbewegung, sonst wird er zur Andacht.

Ermessensspielraum ist keineswegs automatisch das Bessere. Er kann auch Willkür heißen, Vetternwirtschaft, Diskriminierung, schlichte Laune. Dass ein identischer Antrag unabhängig davon gleich behandelt wird, ob die Sachbearbeiterin morgens um acht oder nachmittags um vier Dienst hat, ist eine zivilisatorische Errungenschaft, nicht ihr Gegenteil. Wer Konstellationen pauschal verdächtigt, verdächtigt auch Gleichbehandlung.

Auch Rosas eigenes Buch hält diese Prüfung nicht durchgehend aus. Der Rechtswissenschaftler Christoph Möllers wirft ihm in der FAZ unter anderem begriffliche Unschärfe und eine anekdotische Beweisführung vor (2). Die Fachzeitschrift Spektrum bemängelt, Rosas Begriff des Handelns bleibe diffus und empirisch kaum unterfüttert (3), eine Kritik, die man ernst nehmen sollte, gerade weil sie die Grunddiagnose nicht bestreitet, nur ihre Beweisführung. Wer mit Rosa denkt, sollte nicht mit Rosa schwärmen.

Selbst sein dänisches Beispiel trägt die Zuspitzung nur bedingt. Ein durchdigitalisiertes Servicecenter, das keine Zwischentöne kennt, ist kein Naturgesetz der Digitalisierung. Es ist eine Designentscheidung, die auch anders hätte ausfallen können. Der Einwand richtet sich damit weniger gegen Rosa selbst als gegen eine zu schnelle Übersetzung seiner Diagnose in Technikfeindlichkeit. Die Frage ist nie, ob automatisiert wird. Sie ist, wie.

Wie berechtigt das Misstrauen gegen reinen Ermessensspielraum ist, zeigt ausgerechnet ein Buch, das Rosas Diagnose von der entgegengesetzten Seite stützt. Daniel Kahneman, Olivier Sibony und Cass Sunstein untersuchen in „Noise" (2021), wie stark Urteile streuen, die eigentlich übereinstimmen sollten (4). Ihr plakativstes Beispiel: In amerikanischen Asylverfahren erkennt ein Richter fünf Prozent der Anträge an, ein anderer, mit vergleichbaren Fällen, 88 Prozent. Kahneman und seine Koautoren interessieren sich hier nicht für die Richtung einer systematischen Verzerrung. Sie interessieren sich für die enorme Streuung zwischen Urteilen, die eigentlich stärker übereinstimmen sollten. Sie nennen sie „Noise". Rosa und Kahneman interessieren sich für denselben unstandardisierten Raum menschlichen Urteilens, aber mit entgegengesetzter Sorge: Rosa fragt, was verloren geht, wenn man ihn schließt. Kahneman, Sibony und Sunstein fragen, welchen Schaden er anrichtet, wenn man ihn unkontrolliert offenlässt.

Die eigentlich schwierige Frage lautet deshalb nicht Konstellation oder Situation. Sie lautet: Welche Entscheidungen wollen wir gerade deshalb nicht restlos optimieren, weil im Spielraum etwas liegt, das eine Regel nicht ersetzen kann, und welche wollen wir gerade deshalb optimieren, weil der Spielraum bislang vor allem Zufall und Willkür produziert hat? Philosophisch hat die Möglichkeit, dass etwas auch anders hätte kommen können, einen Namen: Kontingenz. Sie ist kein Konstruktionsfehler der Wirklichkeit. Sie ist die Bedingung dafür, dass in ihr überhaupt noch etwas geschehen kann, das vorher niemand vorgesehen hat, im guten wie im schlechten Fall.

Das Recht auf Ermessensspielraum

In der KI-Debatte ist inzwischen viel von Transparenz die Rede, von Erklärbarkeit, von Human in the Loop. Was dabei selten zur Sprache kommt, ist das Recht auf Ermessensspielraum selbst. Als einklagbares Recht wäre das vage. Als Gestaltungsprinzip digitaler Systeme verstanden, wäre es erstaunlich konkret. Die bloße Möglichkeit, eine automatisierte Entscheidung formal zu überstimmen, reicht dafür nicht. Das kann jeder „Ablehnen"-Button leisten, ohne dass dahinter ein Gramm Urteilskraft steckt. Entscheidend ist die tiefere Frage, ob ein System überhaupt so gebaut ist, dass menschliches Urteil noch entstehen kann, bevor es gebraucht wird.

Ein System, das nur abnimmt, ist noch keine gute Automatisierung. Gute Automatisierung entscheidet auch bewusst, an welchen Stellen sie nicht entscheidet, obschon sie es könnte. Das ist ein anderer Maßstab als Effizienz. Er lässt sich nicht allein aus einem Kostenmodell ableiten, selbst wenn genau das Organisationen oft von einem wirtschaftlich klugen KI-Einsatz abhält. Hier zählt nur der Grundsatz: Ein Formular ohne Freitextzeile hat bereits entschieden, bevor jemand es ausfüllt. Ein Chatbot ohne Eskalationspfad hat bereits entschieden, dass es keinen ungewöhnlichen Fall geben darf.

Praktisch heißt das: Ein Fall, den das System nur mit geringer Sicherheit einordnen kann, geht an einen Menschen, und zwar mit der Rohsituation, nicht nur mit der fertigen Konstellation. Eine Mitgliederverwaltung, die einen unklaren Beitragsfall automatisch weiterreicht, statt ihn nach der plausibelsten Regel zu erledigen, verschenkt auf den ersten Blick Effizienz. Auf den zweiten Blick bewahrt sie genau die Stelle, an der jemand noch urteilen, nicht nur bestätigen kann. Diese Entscheidung trifft niemand zufällig. Sie muss in der Architektur eines Systems angelegt werden, lange bevor der erste Fall hindurchläuft.

Resonanz braucht Spielraum

Wer Rosa länger folgt, erkennt in „Situation und Konstellation„ keine neue Volte. Er erkennt die Fortsetzung eines alten Gedankens: In „Resonanz“ beschrieb er eine gelingende Weltbeziehung als wechselseitige Berührung zwischen Subjekt und Welt, bei der die Antwort nie vorherbestimmt ist. Resonanz setzt Offenheit voraus, und genau diese Offenheit verschwindet, wenn Konstellationen die Situation ersetzen (5).

Das gilt auch institutionell: Ein Verband, eine Fachgesellschaft, eine Verwaltung kann auf ihre Mitglieder oder Bürgerinnen resonant reagieren oder rein konstellativ, als bloße Fallbearbeitung. Beides fühlt sich für die Organisation nach Effizienz an. Nur eines davon fühlt sich für den Menschen auf der anderen Seite nach Antwort an. Eine vollständig optimierte Welt wäre vielleicht außerordentlich effizient. Sie wäre, in Rosas Sinn, resonanzarm.

Noch einmal derselbe Mensch, dieselbe Software. Sie hat analysiert, gerechnet, einen Vorschlag erzeugt. Übernehmen. Bearbeiten. Ablehnen.

Nichts an dieser Szene ist dramatisch. Niemand verliert in diesem Moment seine Arbeit, niemand wird diskriminiert, die Aufsicht mag sogar echt sein. Und doch hat sich, wenn man Rosa folgt, bereits etwas verändert, bevor überhaupt ein Fehler passiert ist: der Charakter des Handelns selbst. Vielleicht liegt menschliche Autonomie künftig nicht darin, all das wieder selbst zu erledigen. Vielleicht liegt sie darin, noch genug Erfahrung, Kompetenz und institutionelle Freiheitzu besitzen, um in einem einzelnen Fall sagen zu können: Nein. Hier machen wir es anders.

Spielraum ist der Raum, in dem mutwillig und menschlich abweichend entschieden werden kann.

Quellen

  1. Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums, Hartmut Rosa, Suhrkamp, Berlin 2026, 247 S.
  2. Hartmut Rosa kämpft jetzt gegen den deutschen Regelwahn, Christoph Möllers, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2026.
  3. Buchkritik zu »Situation und Konstellation« , Josef König, Spektrum der Wissenschaft, 25.2.2026.
  4. Noise. Was unsere Entscheidungen verzerrt, und wie wir sie verbessern können, Daniel Kahneman, Olivier Sibony, Cass R. Sunstein, Siedler, München 2021.
  5. Im Würgegriff der Konstellationen, literaturkritik.de, 18.3.2026.

Jetzt weiterlesen:

 alt=

Spielraum ist eine Designentscheidung.

Wir entwickeln und gestalten Plattformen für Unternehmen und Fachgesellschaften, die automatisieren, ohne Menschen die wichtigen Entscheidungen abzunehmen.
Oli Feiler, Geschäftsführer