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Der Zeigarnik-Effekt hält nicht, was er verspricht

Unerledigte Aufgaben sollen besser im Gedächtnis bleiben als erledigte, das behauptet die Psychologie seit 1927. Eine aktuelle Metaanalyse widerlegt das deutlich und zeigt, was tatsächlich hinter Fortschrittsbalken und Profilstärke-Anzeigen wirkt.

von Oli Feiler · 19. Juli 2026

Kaum ein Kellner der Psychologiegeschichte ist so oft zitiert worden wie jener unbekannte Ober aus einem Berliner Lokal der 1920er-Jahre, der sich komplizierte, unbezahlte Bestellungen mühelos merkte und nach der Rechnung keine Details mehr wusste. Die Anekdote eröffnet praktisch jeden Text zum Zeigarnik-Effekt, im Feed ebenso wie im Lehrbuch. Nur: Eine von Zeigarnik selbst dokumentierte Quelle für diese konkrete Beobachtung gibt es nicht, überliefert ist eine mündliche Erzählung aus dem Umkreis ihres akademischen Lehrers Kurt Lewin, wahrscheinlich echt im Kern, obschon im Detail so oft weitererzählt, dass die Geschichte selbst zu einem kleinen Beispiel für kognitive Leichtigkeit geworden ist. Eine Anekdote wirkt wahrer, wenn sie sich leicht erzählen lässt.

Interessanter als der Kellner ist ohnehin, was Bljuma Zeigarnik 1927 tatsächlich nachwies (1), und interessanter noch, was von diesem Nachweis fast ein Jahrhundert später übrig geblieben ist. Wenig, wie sich zeigen wird. Aber das Wenige ist genau das, was heute jeden Fortschrittsbalken im Netz antreibt.

Eine Spannung, die auf Auflösung wartet

Zeigarnik arbeitete an der Berliner Universität, im selben Institut, das wenige Jahre zuvor unter Wolfgang Köhler zum Zentrum der Gestaltpsychologie geworden war (2), unter der wissenschaftlichen Leitung von Kurt Lewin. In ihrem Experiment ließ sie Versuchspersonen eine Reihe kleiner Aufgaben lösen, zeichnen, basteln, kurze Rechenaufgaben. Bei einem Teil der Aufgaben durften die Teilnehmenden fertig werden, bei einem anderen wurden sie ohne Vorwarnung unterbrochen. Anschließend sollten sie aufzählen, welche Aufgaben sie überhaupt bearbeitet hatten. Der Befund: Unterbrochene Aufgaben wurden deutlich häufiger genannt als abgeschlossene.

Die theoretische Erklärung dazu kam von Lewin selbst (3). Seine Feldtheorie beschreibt eine Absicht als etwas, das eine Spannung aufbaut, einen sogenannten Aufforderungscharakter, der sich an Objekte und Situationen bindet. Diese Spannung, ein Quasi-Bedürfnis, bleibt aktiv, bis die Absicht erfüllt ist. Wird sie unterbrochen, entlädt sich die Spannung nicht. Eine offene Absicht ist demnach kein erledigter Fall, den das Gehirn ablegt, sondern ein System, das weiterläuft.

Der Zwilling, den kaum jemand kennt

Ein Jahr später, im selben akademischen Umfeld, prüfte Maria Ovsiankina eine verwandte, aber andere Frage (4): den Handlungsdrang. Ihre Versuchspersonen bekamen ebenfalls unterbrochene Aufgaben, diesmal aber ging es darum, ob sie die Aufgabe von sich aus wieder aufnehmen würden, sobald sich die Gelegenheit bot. Das Ergebnis war eindeutig: Sie taten es, zuverlässig, ohne Aufforderung.

Zeigarnik und Ovsiankina beschreiben damit zwei unterschiedliche Konsequenzen derselben Lewin'schen Spannung, Erinnerung auf der einen Seite, Handlungsdrang auf der anderen. In der öffentlichen Wahrnehmung werden beide bis heute unter dem bekannteren der beiden Namen zusammengeworfen. Das wäre kein Problem, wenn beide Effekte gleich gut belegt wären.

Fast ein Jahrhundert später, die Rechnung

Sind sie nicht. Romain Ghibellini und Beat Meier von der Universität Bern haben 2025 die bislang umfassendste Zusammenschau vorgelegt (5): 59 Studien, die seit den 1930er-Jahren mit demselben experimentellen Grundmuster arbeiteten. Für den Zeigarnik-Effekt fällt das Ergebnis ernüchternd aus. Über alle Studien gewichtet liegt das Verhältnis von erinnerten unterbrochenen zu erinnerten abgeschlossenen Aufgaben bei etwa 0,99, praktisch kein Unterschied. Der Anteil unterbrochener Aufgaben an allen erinnerten Aufgaben liegt bei rund 49 Prozent, leicht unter der Hälfte. Die errechnete Effektstärke: dz = 0,15, nach gängiger Konvention ein kleiner Effekt.

Der Ovsiankina-Effekt hält dagegen stand. Im Schnitt nahmen die Versuchspersonen unterbrochene Aufgaben in 67 Prozent der Fälle von sich aus wieder auf, deutlich über dem Zufallswert von 50 Prozent. Was sich in fast einem Jahrhundert Forschung als beständig erwiesen hat, ist nicht die Erinnerung an das Offene. Es ist der Drang, es zu beenden.

Frühere Kritiker hatten das schon geahnt. Colin MacLeod bezeichnete den Zeigarnik-Effekt 2020 in einer Übersichtsarbeit als notorisch schwer replizierbar (6), und die niederländische Dissertation von Aat van Bergen aus dem Jahr 1968 kam bei einem direkten Replikationsversuch zu einem ähnlichen Befund (7). Neu an der Arbeit aus Bern ist die Systematik: Erstmals wurden die Ergebnisse quantitativ zusammengeführt, nicht nur einzeln bezweifelt.

Autorität, die es heute nicht mehr gibt

Ghibellini und Meier bieten auch eine Erklärung an, warum Zeigarnik 1927 einen so viel stärkeren Effekt fand als spätere Studien. Ihre Versuchspersonen lösten die Aufgaben mit großem Ernst, aus Pflichtgefühl gegenüber der Institution oder aus eigenem Ehrgeiz. Universitäten und Professoren genossen im Europa der Zwischenkriegszeit ein Ansehen, das sich heute kaum noch vorstellen lässt. Der amerikanische Hochschulbeobachter James McCain brachte es 1960 mit einem Satz auf den Punkt: "Professoren sind keine menschlichen Wesen, sie sind Götter" (8). Wer unter dieser Autorität eine Aufgabe übernahm, war entsprechend involviert, und genau dieses Involvement, nicht die Unterbrechung selbst, dürfte die Erinnerung geprägt haben.

Diese Bedingung lässt sich heute kaum reproduzieren, schon weil sich die Aufmerksamkeit der Versuchspersonen verändert hat. Handybenachrichtigungen, E-Mails, die Gewohnheit des Multitaskings zersplittern genau jene Konzentration, die eine Aufgabe bräuchte, um im Sinne Zeigarniks Spannung aufzubauen. Darin liegt eine kleine Ironie: Ausgerechnet die Ablenkung, die digitale Produkte selbst erzeugen, könnte den Effekt geschwächt haben, auf den sich digitale Produkte heute so gern berufen.

Was im Netz Zeigarnik genannt wird, ist Ovsiankina

Berufen wird sich praktisch überall. Der Fortschrittsbalken beim Ausfüllen eines Formulars, die Anzeige "Ihr Profil ist zu 80 Prozent vollständig", die Checkliste im Onboarding: All das läuft unter dem Namen Zeigarnik. Genauer betrachtet handelt es sich fast immer um Ovsiankina. Nicht die Erinnerung an das Unerledigte führt zurück zur App. Zurück führt der Drang, es zu Ende zu bringen.

Dazu hat sich eine kleine Ratgeberindustrie gebildet. In den Karussell-Posts der Verkaufspsychologie auf Instagram und LinkedIn wird der Effekt als Merkformel gehandelt, unvollständig sei unvergesslich, mit Cliffhangern, offenen Fragen und "Teil 2 kommt morgen" als Werkzeugkasten. Dass diese Empfehlung ausgerechnet auf der Gedächtnis-Behauptung ruht, also auf dem Teil, der der Überprüfung nicht standhielt, gehört zu den stilleren Pointen dieser Geschichte.

Am klarsten zeigt sich das bei LinkedIns Profilstärke-Anzeige, jenem Balken, der Mitglieder von "Anfänger" bis "All-Star" führt. Die gängige Behauptung dazu, vollständige Profile seien 40-mal wahrscheinlicher, Chancen zu erhalten, kursiert seit mindestens 2012 in praktisch unveränderter Formulierung, fast immer nur mit "LinkedIn zufolge" belegt, nie mit einer nachprüfbaren Studie dahinter. Eine eigene Vertiefung dieses Blogs hat genau dieses Muster schon einmal seziert: Zahlen, die durch schiere Wiederholung Autorität gewinnen, ohne dass sich ihr Ursprung noch klären ließe.

Was sich tatsächlich belegen lässt, ist unauffälliger und deshalb interessanter. Franz Mönke und Kolleg:innen legten 2025 Personalverantwortlichen identische Kandidatenprofile in drei Vollständigkeitsstufen vor (9). Bei gleicher Qualifikation schätzten sie Kandidat:innen mit unvollständigen Profilen als weniger kompetent und weniger vertrauenswürdig ein. Der Druck, ein Profil zu vervollständigen, bildet damit ein reales Risiko ab, keine erfundene Zahl. Das ändert nichts daran, dass der psychologische Hebel, mit dem LinkedIn diesen Druck erzeugt, der Ovsiankina-Effekt ist, nicht der, dessen Name auf der Verpackung steht.

Dieselbe Lücke, nur vom Bild ins Verhalten gewendet

Der Grundlagentext dieses Blogs zur kognitiven Leichtigkeit nennt die Geschlossenheit als eines der Gestaltgesetze: Das Auge ergänzt offene Linien und Flächen zu vollständigen Formen, weil das Gehirn Ordnung dort herstellt, wo die Wahrnehmung sie nicht liefert. Zeigarnik und Ovsiankina forschten im selben akademischen Milieu, das dieses Gesetz hervorgebracht hatte, nur wandten sie das Prinzip vom Sehen auf das Handeln. Eine offene Gestalt zieht den Blick, bis sie geschlossen ist. Eine offene Absicht zieht die Handlung, aus demselben Grund.

Wer eine Progress Bar entwirft, entwirft im Grunde eine offene Gestalt. Nur schließt sie sich nicht im Auge. Sie schließt sich im Vorhaben des Nutzers.

Wo Vervollständigung hilft, und wo sie nur bindet

Ein Onboarding, das in klaren Schritten zeigt, wie viel bis zur vollständig funktionierenden Zahlungseinstellung fehlt, nützt tatsächlich: Die Aufgabe endet, sobald sie erledigt ist, und die Vervollständigung kommt dem zugute, der sie beginnt. Im Interface-Design heißt diese Gestaltungspraxis Wizard: ein Assistent, der führt, statt zu binden. Eine Gamification-Mechanik, die jeden Tag einen neuen künstlichen Balken öffnet, nur damit er am Abend wieder geschlossen werden kann, kommt vor allem der Plattform zugute, die die Rückkehr zählt.

Endet die offene Schleife jemals wirklich, oder öffnet sich hinter jeder geschlossenen sofort die nächste? Bei echten Aufgaben gibt es ein Ende. Bei reiner Bindungsmechanik gibt es nur den nächsten Balken.

Zeigarnik glaubte, ihr Kellner beweise, wie gut das Gehirn das Offene behält. Fast hundert Jahre und 59 Studien später zeigt sich: Er beweist nur, wie schwer wir es loslassen.

Quellen

  1. Zeigarnik, B. (1927): Das Behalten erledigter und unerledigter Handlungen.   Psychologische Forschung , 9, 1–85.
  2. Institut für Psychologie, Humboldt-Universität zu Berlin: Ära Köhler (1922–1935). Institutsgeschichte.
  3. Lewin, K. (1926): Vorsatz, Wille und Bedürfnis.   Psychologische Forschung , 7(1), 330–385.
  4. Ovsiankina, M. (1928): Untersuchungen zur Handlungs- und Affektpsychologie.   Psychologische Forschung , 11, 302–379.
  5. Ghibellini, R. & Meier, B. (2025): Interruption, recall and resumption: a meta-analysis of the Zeigarnik and Ovsiankina effects.   Humanities and Social Sciences Communications , 12, Art. 962.
  6. MacLeod, C. M. (2020): Zeigarnik and von Restorff: the memory effects and the stories behind them.   Memory & Cognition , 48(6), 1073–1088.
  7. Van Bergen, A. (1968): Task Interruption. Dissertation, Universiteit van Amsterdam. North-Holland Publishing Company.
  8. McCain, J. A. (1960): Professors and Students in European Universities: Observations of an American College President.   The Journal of Higher Education , 31(4), 200–207.
  9. Mönke, F. W., Bürger, A. S., Steinbrecher, J., Bornemann, M., Wedelstedt, N. & Schinkel, S. (2025): When Less Is Not More: Incomplete Information in LinkedIn Assessments and the Moderating Role of Applicants' Résumé.   Journal of Business and Psychology , 40(6), 1465–1491.

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