Die Schrift für die Bundespost soll auf Briefmarken funktionieren, auf Formularen und auf der Seite eines Postfahrzeugs: schmal genug, um Platz zu sparen, kräftig genug, um auf schlechtem Papier nicht zu verschwimmen, so eindeutig, dass kein Buchstabe mit einem anderen verwechselt werden kann. Die Muster werden gedruckt, getestet, genehmigt. Selbst der Bundespostminister zeigt sich interessiert. Kurz vor der Einführung wird das Projekt jedoch beerdigt. Die Begründung, die Spiekermann später notierte: Man befürchtete, die neue Schrift könnte, in seinen Worten, „Unruhe" auslösen.
Die Bundespost bleibt bei ihren verschiedenen Helvetica-Fassungen, später wechselt sie zur Frutiger. Spiekermanns Entwurf, intern PT55 und PT75 genannt, verschwindet zunächst in der Schublade. Erst 1988 lässt er ihn von zwei jungen Mitarbeitern, Erik van Blokland und Just van Rossum, am frühen Macintosh neu digitalisieren und veröffentlicht ihn 1991 unter eigenem Namen: FF Meta. Als Antithese zur Helvetica angelegt, die er langweilig und fade fand, wird sie zu einer der prägendsten digitalen Schriften der Neunziger, gefeiert und zugleich, wie Spiekermann selbst süffisant anmerkte, mit einigem Zweifel als „Helvetica der Neunziger" verklärt.
Erik Spiekermann, 1947 in Stadthagen geboren, studierte Kunstgeschichte in Berlin. Eine Handpresse im Keller seiner Wohnung finanzierte das Studium, bevor er die 1970er Jahre in London verbrachte, freischaffend als Grafiker und Dozent. 1979 gründete er zurück in Berlin mit Florian Fischer und zwei weiteren Partnern das Büro MetaDesign, das er bis zu seinem Ausstieg 2001 zu Deutschlands größtem Designbüro entwickelte.
Wer in den 1980er Jahren eine professionelle Schrift nutzen wollte, kaufte sie bei einer der wenigen etablierten Gießereien, Berthold, Linotype, Scangraphic, mit entsprechenden Lizenzgebühren und engen Vertriebswegen. 1989 gründete Spiekermann gemeinsam mit seiner damaligen Frau Joan FontShop, den ersten Versandhandel für digitale Schriften. Ein Jahr später kam mit Neville Brody die Foundry FontShop International hinzu, aus der die FontFont-Bibliothek entstand, mit FF Meta als bekanntestem Werk.
Ich habe zu Buchstaben ein schon sehr emotionales, wenn nicht sogar libidinöses Verhältnis.
FontShop schaffte das alte Gatekeeping nicht ab, es verlegte es. Über die Aufnahme in die FontFont-Bibliothek entschied ein international besetztes Typeboard, das halbjährlich nach ästhetischen und technischen Kriterien tagte. Die Instanz verschwand nicht, sie wechselte nur das Personal: weg von den Herstellern der Satzmaschinen, hin zu einem unabhängigen Vertrieb mit einem eigenen Gremium aus Gestaltern.
MetaDesign wuchs aus der Summe vieler Aufträge, nicht aus einem glänzenden Einzelprojekt. Für die Berliner Verkehrsbetriebe entwickelte das Büro um 1990 FF Transit, eine eigene Bearbeitung der Schriftfamilie Frutiger, benannt nach ihrem Schöpfer Adrian Frutiger.Für den Flughafen Düsseldorf entstand ein Leitsystem, für Audi und Volkswagen Publikationen und Kommunikationssysteme.
Orientierung ist damit keine Sonderaufgabe für Flughäfen und Verkehrsbetriebe. Sie ist eine Grundfunktion jeder Organisation, die mit vielen Menschen kommunizieren muss, ob als Behörde, als Verband oder als Unternehmen.
2001 verließ Spiekermann MetaDesign wegen inhaltlicher Differenzen und gründete ein eigenes Büro. Dort entstand, gemeinsam mit dem Typografen Christian Schwartz, die Schriftfamilie DB Type für die Deutsche Bahn, ausgezeichnet 2007 mit dem Designpreis der Bundesrepublik. Anders als FF Meta oder FF Transit trägt sie schon im Entstehen die Handschrift von zwei Gestaltern, nicht die eines Einzelnen.
Von Erik Spiekermann lernen wir, dass ein System seinen Wert erst beweist, wenn es viele verschiedene Aufgaben trägt, nicht nur eine glänzende. Und dass Gatekeeping selten verschwindet. Es wechselt nur den Ort, an dem es stattfindet.
Gestaltung wird nicht dadurch zur Infrastruktur, dass eine Behörde sie verabschiedet, sondern dadurch, dass Menschen sich auf sie verlassen können, ohne über sie nachdenken zu müssen.