Design-Legenden

Otl Aicher: Gestaltung ist Verantwortung

München, 1972: Ein Athlet wird zur Linie, Bewegung zur Geometrie. Kein Pathos, keine Monumentalität, keine nationale Schwere. Für die Olympischen Spiele entwarf Otl Aicher nicht bloß ein Erscheinungsbild, sondern eine Idee davon, wie eine komplexe Welt lesbar werden kann.

von Oli Feiler · 19. Oktober 2025

Es gibt Design, das man betrachtet. Und es gibt Design, dem man folgt. Otl Aichers Werk gehört zur zweiten Kategorie. Es wollte nicht vor allem beeindrucken, nicht verführen, nicht lauter sein als die Welt, für die es gemacht war. Es wollte Orientierung schaffen.

Genau darin liegt seine bis heute fast radikale Kraft. Denn Aicher verstand Gestaltung nicht als Oberfläche, sondern als Verantwortung. Als eine Form, Welt zu ordnen, ohne sie zu verengen. Als Sprache, die nicht erklären muss, wie klug sie ist, weil sie im Gebrauch funktioniert.

Otl Aicher, geboren 1922 in Ulm, gehört zu den prägenden Gestaltern des 20. Jahrhunderts. Er war Mitgründer der Hochschule für Gestaltung Ulm, entwickelte visuelle Erscheinungsbilder für Institutionen und Unternehmen und schuf mit dem Designsystem der Olympischen Spiele 1972 eines der einflussreichsten Beispiele moderner visueller Kommunikation. Doch wer sein Werk nur als Stilgeschichte liest, verfehlt den Kern. Aicher ging es nicht um einen Look. Es ging um Ordnung, Gebrauch und Haltung.

Die Lesbarkeit der Welt

Die Olympischen Spiele 1972 in München waren für Aicher mehr als ein Großereignis. Sie waren eine gestalterische Aufgabe von enormer gesellschaftlicher Bedeutung. Deutschland wollte sich international anders zeigen: offen, demokratisch, leicht, modern. Nicht schwer, nicht monumental, nicht autoritär. Diese neue Haltung musste sichtbar werden, in Farben, Zeichen, Schriften, Plakaten, Kleidung, Orientierungssystemen und Piktogrammen.

Aicher antwortete nicht mit Pathos, sondern mit System. Die visuelle Welt von München 1972 war hell, präzise, diszipliniert. Sie setzte auf kühle Farben, klare Raster, kontrollierte Formen und eine Sprache der Zeichen, die möglichst unabhängig von Herkunft, Sprache und Alphabet verstanden werden konnte.

Besonders berühmt wurden seine Piktogramme. Sportarten wurden nicht illustriert, sondern abstrahiert. Körper wurden zu Linien, Bewegungen zu Winkeln, Handlungen zu grafischen Gesten. Ein Läufer war kein individueller Athlet mehr, sondern ein Zeichen für Laufen. Ein Ruderer kein Bild eines Menschen im Boot, sondern eine verdichtete Information.

Das klingt nüchtern. Aber genau darin liegt die Schönheit. Aichers Reduktion war keine ästhetische Mode, sondern eine Entscheidung zugunsten der Verständlichkeit. Jedes überflüssige Detail hätte die Lesbarkeit geschwächt. Gute Gestaltung bedeutete für ihn nicht, möglichst viel zu zeigen, sondern das Richtige sichtbar zu machen.

Die Oberfläche reicht nicht

In einer Zeit, in der digitale Produkte oft um Aufmerksamkeit konkurrieren, wirkt Aichers Denken beinahe widerständig. Viel Gestaltung will heute aktivieren, emotionalisieren, personalisieren, beschleunigen. Interfaces werden weicher, Marken beweglicher, Oberflächen lauter. Das kann sinnvoll sein. Aber es löst nicht automatisch das wichtigste Problem: Verstehen Menschen, wo sie sind, was sie tun können und warum sie etwas tun sollten?

Diese Perspektive ist besonders wertvoll für Organisationen, die komplex kommunizieren müssen: Verbände, Institutionen, wissenschaftliche Gesellschaften, Plattformbetreiber, öffentliche Einrichtungen. Dort reicht es nicht, einzelne Seiten ansprechend zu gestalten. Es geht darum, Wissen, Angebote, Mitgliedschaft, Veranstaltungen, Services und redaktionelle Abläufe so zu strukturieren, dass Menschen sich zurechtfinden.

Vom Piktogramm zum Interface

Aichers Piktogramme lösten ein Problem, das heute jedes digitale Interface lösen muss: Verständlichkeit ohne gemeinsame Sprache. Zehntausende Besucherinnen und Besucher aus aller Welt sollten sich in München orientieren können, ohne Deutsch zu sprechen, ohne Schilder lesen zu müssen, ohne Vorkenntnisse. Die Lösung war eine visuelle Grammatik: ein System aus Zeichen, das sich selbst erklärt.

Genau das tun Icons in digitalen Produkten. Ein Papierkorb bedeutet Löschen. Eine Lupe bedeutet Suchen. Ein Zahnrad bedeutet Einstellungen. Diese Konventionen wirken heute selbstverständlich, aber sie sind das Ergebnis desselben Denkens, das Aicher 1972 in München angewandt hat: Komplexe Handlungen auf ein Zeichen verdichten, das ohne Erklärung funktioniert.

Der Unterschied ist, dass Aichers Zeichen in ein Gesamtsystem eingebettet waren. Kein Piktogramm stand für sich allein. Jedes Zeichen folgte denselben Proportionen, derselben Strichstärke, derselben Abstraktionslogik. Das machte die einzelnen Zeichen lesbar und das System als Ganzes vertrauenswürdig. Wer ein Piktogramm verstanden hatte, konnte darauf vertrauen, dass die anderen nach derselben Logik funktionieren.

In vielen digitalen Produkten fehlt genau diese systemische Disziplin. Icons werden aus verschiedenen Bibliotheken zusammengestellt, Metaphern wechseln zwischen Bereichen, Abstraktionsgrade variieren von Screen zu Screen. Das einzelne Symbol mag verständlich sein. Aber das Gesamtsystem erzeugt keine Sicherheit, weil die gemeinsame Grammatik fehlt.

Verständlichkeit ist Verantwortung

Aichers Gestaltungsideal war nie bloß formal. Es war gesellschaftlich. Gute visuelle Kommunikation sollte nicht beeindrucken, sondern ermöglichen. Sie sollte Menschen nicht kleiner machen als das System, in dem sie sich bewegen. Sie sollte Komplexität nicht verstecken, sondern zugänglich machen.

Wer ein System so gestaltet, dass bestimmte Menschen es nicht nutzen können, trifft damit eine Entscheidung. Oft keine bewusste, aber eine wirksame. Orientierung ist deshalb nie nur eine Frage der Usability. Sie ist eine Frage der Teilhabe. Wer an Begriffen, Menüs oder Prozessen scheitert, wird ausgeschlossen, häufig ohne dass es jemand beabsichtigt hat.

Das ist vielleicht der Punkt, an dem Aicher heute am stärksten in unsere Gegenwart hineinragt. Digitale Systeme werden immer mächtiger, dichter und unsichtbarer. Je komplexer sie werden, desto wichtiger wird Gestaltung, die nicht kaschiert, sondern klärt.

Von Otl Aicher lernen wir …

Von Otl Aicher lernen wir, dass Gestaltung nicht bei der Oberfläche beginnt und nicht beim Stil endet. Sie beginnt dort, wo Komplexität sortiert, Verantwortung übernommen und Orientierung möglich gemacht wird.

Wer heute digitale Systeme baut, steht vor derselben Frage wie Aicher 1972 in München: Wie wird eine komplexe Welt für Menschen lesbar, die sie zum ersten Mal betreten?