Design-Legenden

Adrian Frutiger: Lesbarkeit als System

Paris, Anfang der 1970er Jahre: Auf dem neuen Flughafen Roissy strömen Menschen aus aller Welt durch Hallen aus Beton und Glas.

von Oli Feiler · 10. Juni 2026

Niemand hat Zeit, kaum jemand spricht dieselbe Sprache, und doch sollen alle in Sekunden begreifen, wohin sie müssen. Über ihren Köpfen hängen Schilder mit einer Schrift, die genau dafür entstand: aus der Distanz lesbar, schräg von unten eindeutig, im Vorbeigehen erfasst.

Diese Schrift trug zuerst den Namen des Flughafens und wurde später unter dem Namen ihres Gestalters bekannt. Adrian Frutiger verstand sie als Werkzeug der Orientierung. Stil war dabei zweitrangig. Eine Schrift sollte ihren Dienst tun, an der Wand eines Terminals ebenso wie in der Fußnote eines Buches.

Adrian Frutiger, 1928 in der Schweiz geboren, gehört zu den einflussreichsten Schriftgestaltern des 20. Jahrhunderts. Ausgebildet als Schriftsetzer, ging er nach Paris und arbeitete dort für die Gießerei Deberny et Peignot. Aus dieser Zeit stammt Univers. Später kamen die Frutiger, die maschinenlesbare OCR-B und die Avenir hinzu. Wer heute durch einen Bahnhof geht, eine Behördenseite öffnet oder ein Buch aufschlägt, begegnet fast zwangsläufig seinem Werk, meist ohne es zu bemerken.

Die Familie als System

Frutigers vielleicht wichtigste Idee betraf keine einzelne Schrift. Sie betraf eine Ordnung. Als er 1957 Univers veröffentlichte, lieferte er gleich einundzwanzig Schnitte auf einmal, von hauchdünn bis fett, von schmal bis breit, aufrecht und kursiv. Damit das Ganze lesbar blieb, ersetzte er die üblichen Bezeichnungen wie mager, halbfett oder schmalkursiv durch ein Zahlenraster. Die erste Ziffer beschrieb die Stärke, die zweite Breite und Lage. Univers 55 stand in der Mitte, alles andere ordnete sich darum herum.

Das klingt technisch, war aber eine gestalterische Befreiung. Wer mit Univers arbeitete, kombinierte keine Schnitte mehr, die zufällig zueinander fanden. Er bewegte sich in einem Raum, dessen Koordinaten von vornherein aufeinander abgestimmt waren. Dieselbe Logik steckt heute in jedem durchdachten Type-Scale, in variablen Schriften, die Stärke und Breite stufenlos verschieben, und in den Design Tokens, mit denen Teams Typografie über ganze Produkte hinweg konsistent halten. Frutiger hat das Prinzip vorweggenommen, lange bevor es die Werkzeuge dafür gab.

Schrift für den Weg

Mit dem Leitsystem für Roissy stand Frutiger vor einer Frage, die mit Geschmack wenig zu tun hatte. Wie muss eine Schrift gebaut sein, damit ein eiliger Reisender sie aus zwanzig Metern, schräg von unten, bei schwachem Licht und ohne Sprachkenntnis sofort versteht?

Seine Antwort war eine humanistische Groteske mit offenen Formen. Weite Öffnungen, klar unterscheidbare Konturen, genug Eigenheit, dass ein c nicht ins e und ein a nicht ins o kippte. Wo geometrische Schriften wie die Helvetica auf gleichförmige Strenge setzten, ließ Frutiger jedem Zeichen so viel Charakter, wie es zur schnellen Erkennung brauchte. Lesbarkeit ging ihm über stilistische Reinheit.

Diese Haltung übersetzt sich unmittelbar in die digitale Welt, denn eine Oberfläche ist nichts anderes als ein Leitsystem. Menschen orientieren sich an Beschriftungen, Menüpunkten und Statusmeldungen, oft unter Zeitdruck und auf kleinen Bildschirmen. Eine Schrift, die in der Präsentation elegant wirkt, in dreizehn Pixel Höhe aber zerfällt, hat ihren Zweck verfehlt. Frutigers Frage gilt unverändert: Wird das Zeichen verstanden, bevor man darüber nachdenkt?

Wo Mensch und Maschine lesen

Ein oft übersehenes Projekt zeigt, wie weit Frutiger dachte. Ende der 1960er Jahre entwarf er OCR-B, eine Schrift für die automatische Zeichenerkennung, die zugleich für das menschliche Auge angenehm bleiben sollte. Die frühen Klarschriften waren technisch zuverlässig, wirkten aber sperrig und fremd. Frutiger suchte den Ausgleich: eindeutig genug für den Scanner, vertraut genug für den Leser.

Aktueller könnte diese Aufgabe kaum sein. Inhalte werden längst nicht mehr nur von Menschen gelesen, sondern von Suchmaschinen, Screenreadern und zunehmend von KI-Systemen ausgewertet. Wer Strukturen schafft, die beiden Seiten gerecht werden, der maschinellen Verarbeitung und dem menschlichen Verständnis, steht vor genau Frutigers Problem. Bei ihm war die Schrift der sichtbarste Ort, an dem sich die Frage stellte. Heute betrifft sie die gesamte Architektur digitaler Inhalte.

Das Skelett der Buchstaben

Hinter Frutigers Arbeiten stand eine fast wissenschaftliche Beschäftigung mit der Wahrnehmung. Ihn interessierte, woran ein Buchstabe überhaupt erkannt wird und welches Skelett eine Form noch tragen muss, wenn man ihr alles Überflüssige nimmt. Lesbarkeit blieb für ihn eine Verantwortung gegenüber denen, die lesen, niemals bloß eine Frage des Geschmacks.

Damit steht er nah an einem Thema, das digitale Produkte heute prägt. Lesbarkeit entscheidet darüber, wer teilhaben kann. Eine zu dünne Schrift auf zu hellem Grund, ein gedrängter Zeilenabstand, ein Schnitt, der bei Sehschwäche zusammenfällt, all das schließt Menschen aus, oft ohne jede Absicht. Was Frutiger am Reißbrett über das Erkennen von Zeichen herausfand, gehört inzwischen zum Kern jeder ernsthaften Auseinandersetzung mit Barrierefreiheit.

Von Adrian Frutiger lernen wir …

Von Adrian Frutiger lernen wir, dass die beste Gestaltung häufig die ist, die niemand bemerkt. Eine gute Schrift wird im Vorbeigehen verstanden. Ein gutes System weist jedem Schnitt seinen Platz zu. Und eine durchdachte Form bleibt lesbar, gleich ob ein Mensch sie liest oder eine Maschine. Auffällig ist daran nichts, tragfähig dafür alles.

Wer heute digitale Produkte baut, trifft mit jeder Schriftwahl dieselbe Entscheidung wie Frutiger am Flughafen von Roissy: ob ein Text gelesen werden soll oder nur gefallen. Lesbarkeit steht nicht am Ende des Prozesses. Sie ist die Bedingung dafür, dass Menschen einem System überhaupt folgen können.

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