Wer eine Software mietet, heißt in der Fachsprache der Branche Tenant. Das englische Wort bedeutet Pächter, und niemand hat sich je daran gestört, denn es beschreibt die Lage präzise: Man wirtschaftet auf Boden, der einem nicht gehört, zu Bedingungen, die der Eigentümer festlegt. Das Vokabular des Lehnswesens war in der Technik längst eingezogen, bevor die Theorie kam.
Die Theorie kam 2023, mit erheblichem Selbstbewusstsein. Der Ökonom und frühere griechische Finanzminister Yanis Varoufakis erklärte in seinem Buch Technofeudalism den Kapitalismus für tot (1). Getötet worden sei er weder von seinen Kritikern noch von seinen Krisen. Er sei still abgelöst worden, von etwas Älterem.
Varoufakis' Diagnose lässt sich in drei Verschiebungen erzählen. An die Stelle der Märkte seien Plattformen getreten, die wie Märkte aussehen, aber wie Lehnsgüter funktionieren: Der Betreiber legt fest, wer hinein darf, wer gesehen wird und was der Zugang kostet. An die Stelle des Profits sei die Rente getreten: Wer auf Amazon verkauft, zahlt an Amazon, wer eine App vertreibt, an Apple oder Google, wer bei Meta sichtbar sein will, an Meta. Rente meint hier nicht die Altersversorgung, sondern den alten Fachbegriff der Ökonomie: leistungsloses Einkommen aus dem Besitz von Boden, Rechten oder Monopolen, wie ihn David Ricardo für die Grundbesitzer seiner Zeit beschrieb. Der deutsche Rentner trägt übrigens dieselbe Wurzel im Namen; das Wort bezeichnete einst jemanden, der von seinen Renten lebte, lange bevor es eine Rentenversicherung gab. Und die Nutzer selbst, in Varoufakis' Vokabular Cloud-Leibeigene, füttern die Systeme unbezahlt mit dem Rohstoff, aus dem deren Wert entsteht: Daten, Bewertungen, Inhalte, Aufmerksamkeit. Die klassischen Unternehmen, die auf diesen Plattformen wirtschaften, nennt er Vasallen.
Ganz neu war die Diagnose nicht. Der französische Ökonom Cédric Durand hatte sie 2020 unter dem Titel Techno-féodalisme vorgelegt (2): Silicon Valley habe eine Ökonomie der Abhängigkeit geschaffen, in der die Kontrolle über digitale Territorien wichtiger geworden sei als die Produktion selbst. Varoufakis fügte die monetäre Pointe hinzu: Finanziert worden sei der Aufstieg der neuen Lehnsherren durch das lockere Geld der Zentralbanken nach 2008, das kaum in Fabriken floss, dafür reichlich in den Aufbau von Plattform- und Rechenimperien.
Der Lehnsherr produziert nicht. Er besitzt den Ort, an dem produziert wird.
Der schärfste Widerspruch kam bemerkenswerterweise von links. Evgeny Morozov, selbst früher dem Begriff zugeneigt, rechnete 2022 in der New Left Review mit dem ab, was er Feudal-Sprech nennt (3). Die Popularität der Mittelalter-Metaphern sei ein Zeugnis intellektueller Schwäche, kein Gewinn an Präzision. Die Tech-Konzerne seien keine trägen Rentiers, sie investierten Summen in Forschung und Entwicklung, von denen klassische Industrien nur träumen können. Und Renten, Enteignung, politisch gestützte Umverteilung nach oben seien keine Abweichungen vom Kapitalismus, sie gehörten seit jeher zu seinem Repertoire. Wer das System Feudalismus tauft, verleiht ihm unfreiwillig den Reiz einer Epochenwende, wo eine ziemlich bekannte Ordnung schlicht ihre Möglichkeiten ausreizt.
Der Wirtschaftsgeograph Brett Christophers hat für dieselbe Beobachtung den nüchterneren Begriff geliefert: Rentier-Kapitalismus (4). Seine Analyse der britischen Wirtschaft zeigt Renten als dominante Einkommensform, von Grundbesitz über Lizenzen und Konzessionen bis zu Plattformgebühren. Kein Rückfall ins Mittelalter, eher ein alter Modus des Kapitalismus in neuer Größenordnung.
Daneben stehen ältere Vokabeln bereit, die weniger die Einkommensform betonen als die Machtfrage. Oligarchie, die Herrschaft der wenigen, beschreibt eine Neigung, die Märkte ohnehin haben, wo Skalen- und Netzwerkeffekte wirken: Konzentration verstärkt sich selbst, und die digitale Ökonomie hat aus dieser Neigung beinahe ein Naturgesetz gemacht, das Lehrbuch nennt es das natürliche Monopol. Plutokratie wiederum benennt den Moment, in dem großes Vermögen aufhört, bloß ökonomische Macht zu sein, und anfängt, politische zu werden, von Lobbybudgets bis zum Besitz ganzer Medienkanäle. Beide Begriffe kommen ohne Mittelalter aus. Vielleicht ist das ihr Vorzug.
Der Streit ähnelt damit auffällig dem um das Say'sche Gesetz vor einigen Tagen an dieser Stelle: Das Etikett ist umkämpft, die Mechanismen sind es kaum. Ob die Abgabe an den Plattformbetreiber Zehnt heißt oder Provision, ändert nichts an ihrer Höhe.
Ob man es Feudalismus nennt, ist eine Frage der Schule. Ob man zahlt, nicht.
Drei Mechanismen lassen sich unabhängig von der Begriffswahl belegen.
Erstens die Abgabe. Wer eine App über die großen Stores vertreibt, gibt im klassischen Modell bis zu 30 Prozent des Umsatzes an den Betreiber ab, dessen Leistung sich auf den Zugang zum eigenen Territorium beschränkt. Die EU hat darauf mit dem Digital Markets Act reagiert und sieben Konzerne als Gatekeeper eingestuft; im April 2025 folgten die ersten Bußgelder, 500 Millionen Euro gegen Apple wegen behinderter Ausweichwege für Entwickler, 200 Millionen gegen Meta (5). Im Juli 2026 wies das Gericht der Europäischen Union Apples Anfechtung der Einstufung ab (6). Dass die Regulierung eine eigene Kategorie namens Torwächter erfinden musste, ist dabei selbst schon ein Befund: Auch der Gesetzgeber beschreibt die Lage räumlich, als Frage von Zugängen und Territorien.
Zweitens der Boden. Drei Anbieter, Amazon, Microsoft und Google, kontrollieren rund zwei Drittel des weltweiten Cloud-Markts (7). Auf diesem Boden steht inzwischen ein erheblicher Teil der europäischen Wirtschaft, von der Warenwirtschaft des Mittelständlers bis zur Mitgliederverwaltung des Verbands. Die Pacht ist verhandelbar, der Auszug teuer: Wechselkosten, Datenexport, umgeschriebene Integrationen. Ökonomen nennen das Lock-in, das Lehnswesen kannte dafür die Schollenbindung.
Drittens die neue Flur: KI. Die Modelle, auf denen gerade ganze Geschäftsprozesse aufsetzen, gehören einer Handvoll Unternehmen, und was ihr Training kostet, sorgt dafür, dass es dabei bleibt. Wer KI einsetzt, wirtschaftet also in aller Regel auf fremdem Boden, zu Preisen und Bedingungen, die der Eigentümer jederzeit ändern kann. Erik Brynjolfsson hat in anderem Zusammenhang den Halbsatz geprägt, der hier den Kern trifft: Wer ersetzt wird, gerät in Abhängigkeit von denen, die die Technologie kontrollieren. Für Organisationen gilt die mildere Variante schon vor jedem Ersetzen: Wer nutzt, ohne zu besitzen, verhandelt aus der schwächeren Position.
Rente ist Einkommen, das nicht mit der Leistung steigt, aber mit der Abhängigkeit.
Vielleicht ist der Begriffsstreit am Ende produktiver als jede Antwort auf ihn. Varoufakis übertreibt, das lässt sich mit Morozov gut begründen. Aber die Übertreibung zwingt zu einer Frage, die der nüchterne Sprachgebrauch gern verschluckt: Welcher Teil der eigenen Wertschöpfung fließt inzwischen als Abgabe an Eigentümer digitaler Territorien ab, und was bekommt man dafür? Solange die Antwort lautet: Zugang, den es gestern noch umsonst gab, ist die Feudalismus-Metapher mindestens als Warnung brauchbar.
Am tiefsten reicht sie womöglich an einer Stelle, die in der Debatte selten ausgesprochen wird. Das Bürgertum hat den Feudalismus mit einem Versprechen abgelöst: Leistung schlägt Herkunft, wer arbeitet, spart und wagt, kann aufsteigen, bis zum eigenen Betrieb, zum eigenen Haus, zum eigenen Vermögen. Eine Ordnung, in der Einkommen vor allem aus Besitz fließt und der Besitz an den entscheidenden Stellen bereits vergeben ist, kündigt genau dieses Versprechen auf. Wo die Rente die Leistung schlägt, wird Herkunft wieder wichtiger als Arbeit, und Aufstieg wird zur Anekdote. Wo obendrein schon der Einstieg fehlt, wie es die Beschäftigungsdaten der Jüngsten andeuten, beginnt erst gar keiner.
Ein Einwand allerdings trifft beide Lager gleichermaßen. Wer die Gegenwart am Mittelalter oder am vertrauten Kapitalismus misst, macht im Kern dasselbe: Er erklärt das Neue mit den Kategorien des Alten. Ganz ohne Vergangenheit versteht niemand irgendetwas, auch dieser Text vergleicht ja munter mit Zehnt und Schollenbindung. Nur spricht nichts dafür, dass die Zukunft einem der Präzedenzfälle folgt. Möglich, dass hier eine Ordnung entsteht, für die das passende Wort noch fehlt. Die Gewissheit, es werde schon wieder so wie damals, wäre dann die riskanteste aller Annahmen.
Für Organisationen übersetzt sich das in eine Inventur, die unbequemer ist als jede Theoriedebatte. Welche Daten, welche Prozesse, welche Schnittstellen gehören uns, mit Exportweg und ohne Erlaubnisvorbehalt? Und welche haben wir nur gepachtet, zu Bedingungen, die der Verpächter morgen ändern darf? Regulierung wie der DMA verschiebt die Kräfteverhältnisse ein Stück, obschon sie im Rhythmus von Jahren arbeitet, während Plattformen ihre Konditionen im Rhythmus von Quartalen ändern. Auf sie zu warten ist keine Strategie.
Wer auf gemieteten Lehen wirtschaftet, verhandelt nicht über den Zins.