Design‑Legenden

Josef Müller‑Brockmann: Ordnung als Haltung

Zürich, 1955: Kreisbögen schneiden ein Quadrat, die Luft scheint zu schwingen, und unten links steht schlicht „beethoven“. Ein Plakat, das Musik nicht abbildet, sondern strukturiert – als ob Rhythmus, Takt und Kontrapunkt plötzlich grafische Parameter wären.

von Oli Feiler · 24. Januar 2025

Das berühmte Tonhalle-Poster von Josef Müller-Brockmann ist mehr als ein Stück Kulturwerbung; es ist ein Manifest für eine Denkweise, die Gestaltung als präzise Übersetzung begreift: vom Unsichtbaren in eine klare, tragfähige Form. Der Beethoven-Bogen ist fachlich ein Plakat, ästhetisch eine Haltung.

Modulare Layouts, konsistente Spalten, responsive Raster: Was heute zum Standardrepertoire digitaler Gestaltung gehört, hat seinen Ursprung in einer stillen Revolution der 1950er Jahre. Einer der wichtigsten Köpfe dahinter war der Schweizer Gestalter Josef Müller-Brockmann.

Ordnung statt Ornament

Josef Müller-Brockmann wurde 1914 in der Schweiz geboren und prägte ab den 1950er Jahren eine Gestaltungssprache, die radikal mit vielem brach, was Werbung und Grafik bis dahin ausmachte. Wo andere auf Illustration, Ornament und subjektive Handschrift setzten, arbeitete er mit Raster, Typografie, Proportion und Klarheit.

Dabei blieb er nie nur Praktiker. Als Dozent in Zürich und Ulm formte er eine ganze Generation von Gestaltern. Als Berater für IBM Europa, Olivetti oder die Rosenthal AG übersetzte er komplexe Organisationsstrukturen in visuelle Systeme. Und mit seiner Arbeit für die SBB schuf er ein Leitsystem, das bis heute dafür sorgt, dass sich Menschen in Schweizer Bahnhöfen zurechtfinden. Er bewies früh, was viele erst spät verstanden: Gutes Design skaliert, vom Plakat bis zum internationalen Konzern.

Seine berühmten Konzertplakate für die Tonhalle Zürich zeigen das besonders eindrücklich. Musik wurde dort zu Geometrie. Beethoven erschien als Kreisbogen, Strawinsky als Spannungsfeld aus Flächen und Linien. Rhythmus wurde Form. Klang wurde Struktur.

Das Entscheidende war dabei die Haltung hinter dem Stil. Müller-Brockmann glaubte, dass Gestaltung Orientierung schaffen sollte. Ein Plakat sollte Informationen verständlich machen. Eine Seite sollte führen. Wer gestaltete, übernahm Verantwortung für das Verstehen anderer.

Das Grid als Denkweise

Berühmt wurde Müller-Brockmann vor allem für seine Arbeit mit Rastersystemen. Sein Handbuch Rastersysteme für die visuelle Gestaltung brachte eine Methode auf den Punkt, die heute in digitalen Designsystemen weiterlebt. Das Grid war für ihn ein Prinzip, kein Werkzeug.

Ein Raster schafft Beziehungen. Zwischen Text und Bild. Zwischen Überschrift und Inhalt. Zwischen unterschiedlichen Informationen. Es sorgt dafür, dass Gestaltung nachvollziehbar wird, dass Entscheidungen lesbar bleiben.

Dabei ging es nie darum, alles gleich aussehen zu lassen. Ein gutes Raster gibt Gestaltung Stabilität. Genau deshalb altern viele seiner Arbeiten weniger stark als rein dekorative Gestaltung: Sie setzen auf Struktur, wo andere auf Effekte gesetzt haben.

„Das Rastersystem ist eine Hilfe, keine Fessel.“ – In diesem Sinne bereitet Ordnung die Bühne für den Inhalt, ohne ihn zu ersticken.

Josef Müller‑Brockmann

Wer heute mit CSS-Grid, Designsystemen oder komponentenbasierten Oberflächen arbeitet, begegnet diesem Denken ständig, oft ohne es zu merken. Fast jede moderne Website folgt im Kern genau dieser Idee: Komplexität wird beherrschbar, wenn Informationen einer klaren Ordnung folgen.

Vom Raster zum System

Das Grid war für Müller-Brockmann eine Methode, Zusammenhänge herzustellen. Wo ein Raster gilt, verhalten sich Elemente zueinander: Abstände signalisieren Zugehörigkeit, Spaltenbreiten erzeugen Hierarchie, Proportionen schaffen Rhythmus. Nichts steht zufällig, wo es steht.

Digitale Produkte brauchen genau das. Eine Navigation hängt mit Berechtigungen zusammen. Formulare mit Datenstrukturen. Inhalt mit responsivem Verhalten. Wer diese Abhängigkeiten in ein gemeinsames Ordnungsprinzip überführt, gestaltet Interfaces. Wer es nicht tut, addiert Einzelteile.

Und genau hier liegt ein Paradox, das Müller-Brockmann vermutlich irritiert hätte. Die Werkzeuge für rasterbasierte Gestaltung waren nie besser als heute. Figma, CSS-Grid, Auto-Layout, Design Tokens: Technisch lässt sich jedes Rastersystem perfekt umsetzen. Trotzdem wirken viele digitale Produkte inkohärent. Alles steht auf 8-Pixel-Abständen, alles folgt einem 12-Spalten-Layout, und trotzdem fehlt das Gefühl von Ordnung.

Der Grund ist, dass das Raster als technische Konvention behandelt wird, nicht als gestalterisches Denken. Elemente stehen korrekt auf dem Grid, aber sie beziehen sich nicht aufeinander. Abstände sind gleichmäßig, aber bedeutungslos. Spalten sind vorhanden, aber erzeugen keine Hierarchie. Das Raster ist implementiert, aber es arbeitet nicht. Müller-Brockmanns Raster waren das Gegenteil: Jeder Abstand hatte eine Funktion. Jede Proportion erzählte etwas über das Verhältnis der Inhalte zueinander. Das Grid war Bedeutung, nicht Maßeinheit.

Besonders im Bereich Accessibility zeigt sich das deutlich. Menschen erfassen Inhalte schneller, wenn Hierarchien konsistent sind. Wenn Abstände Bedeutung transportieren. Wenn sich Elemente erwartbar verhalten. Wenn Struktur sichtbar und logisch zugleich ist. Ein gutes Grid ordnet deshalb mehr als Oberflächen. Es reduziert kognitive Belastung. Und das ist am Ende eine gesellschaftliche Frage, keine rein ästhetische.

Struktur ist Haltung

Müller-Brockmanns Gestaltung wollte helfen. Sie wollte Menschen den Weg durch komplexe Informationen ebnen. Gute Gestaltung darf Ruhe schaffen. Orientierung. Verständlichkeit. Sie muss sich nicht permanent in den Vordergrund drängen.

Wer ein System so baut, dass Menschen darin ihren Weg finden, trifft eine Entscheidung, die weit über Ästhetik hinausgeht. Struktur entscheidet darüber, wer sich zurechtfindet und wer ausgeschlossen wird.

Von Müller-Brockmann lernen wir …

Von Müller-Brockmann lernen wir, dass Ordnung Werkzeug ist und das Raster eine Denkweise. Beides macht Komplexität zugänglich und ebnet Menschen den Weg durch Systeme, statt sie darin zu verlieren.

Gutes Design beginnt dort, wo Menschen nicht mehr über das Interface nachdenken müssen.